Ist wahre Kunst brotlos?

Im digitalen Internet-Zeitalter gibt es immer öfter hitzige Diskussionen über Urheberrecht, oder eher das anglo-amerikanische Copyright, das ja einen ziemlich anderen Ansatz hat. Es geht um Sinn und Unsinn desselben und außerdem darum, ob Kunst und Musik nicht einfach völlig frei sein sollte…

Nun bin ich zu meiner Überraschung vermehrt auf die Meinung gestoßen, wahre Künstler würden ja ihre Kunst nur um ihrer selbst willen ausüben, wer Kunst für Geld mache, bzw. mit dem Ziel seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen sei kein »echter« Künstler.

Es ist mir ein völliges Rätsel, wann und wo dieser Unsinn zuerst in die Welt gesetzt wurde, aber wer so etwas sagt, hat selbst keine Ahnung vom künstlerischen Prozess, keine Ahnung von Kunstgeschichte und hat meistens selbst noch nie etwas Kreatives in die Welt gesetzt. 

Solche Behauptungen zeugen doch gerade von der Unwissenheit, wieviel Zeit und Aufwand es braucht, nur um ein Instrument zu beherrschen, geschweige denn Musik zu machen, zu komponieren. Nur Leute, die noch nie so etwas angepackt haben, können so einen Bockmist in die Welt setzen. Wenn die wüssten, wieviel Hingabe und Aufopferung es braucht, um gut Zeichnen zu können oder zu komponieren, würden sie ganz brav ihren Mund halten. Als ich mit mit dem Gedanken trug, Profi-Schlagzeuger zu werden (in meinen frühen zwanzigern), spielte ich täglich mindestens vier Stunden Schlagzeug. Dazu kamen mehrere Proben diverser Bands pro Woche. Mein Bruder (Musiker), tat im Prinzip nichts anderes als den ganzen Tag lang Klavier und Orgel zu üben. Bei so viel Zeitaufwand ist wirklich keine Zeit für einen Volljob »nebenher« um das Ganze zu finanzieren.

Natürlich kann mittlerweile jeder Depp, der einen Computer hat, »Musik« machen, und da ist der Aufwand verhältnismäßig geringer. Wenn man sich solche Leute anschaut, könnte man vielleicht schon auf die Idee kommen, die sollen das doch nebenher machen und zum Geldverdienen »etwas anständiges« arbeiten. Aber wir möchten mal die Kirche im Dorf lassen, ich halte die Bezeichnung Künstler für Leute, die »ihr Handwerk« nicht beherrschen, z.B. kein Instrument vernünftig spielen können (sei es nur die eigene Stimme), oder nicht zeichnen/malen können für fraglich.

Kunst kommt von »können« nicht von »wollen«,
sonst hieße es ja »Wunst«

Aber führen wir den Gedanken doch einmal zu Ende. Also die Behauptung, dass jemand, der nur fürs Geld auf Bezahlung Kunst mache, kein Künstler sei. Wenn wir das als wahr hinnehmen wollen, dann müssen wir davon ausgehen, dass folgende Personen keine Künstler sind, da sie vor allem für viel Geld von Mäzenen hauptsächlich Auftragskunstwerke erzeugten:

  • Johann Sebastian Bach
  • Michelangelo
  • Tilman Riemenschneider
  • Wolfgang Amadeus Mozart

Ach, eigentlich waren die meisten Künstler vor der Neuzeit nur möglich, gerade weil sie von Mäzenen finanziert wurden. Viele der wunderbarsten Kunstwerke die wirk kennen sind als Auftragsarbeiten entstanden. Geld macht Kunst nicht gleich schlecht. Und ebenso ist nicht jeder, der etwas zu seinem Beruf macht gleich ein Profi, und nicht jeder, der vermeintlich Musik macht ein Künstler. Nicht jeder der Photoshop kann ist automatisch ein Designer. So etwas nannte man nämlich frührer noch Operator, aber leider haben ja alle Starallüren. Seit YouTube ist jeder der Sender, nur hat nicht jeder, der etwas von sich läßt auch wirklich was zu sagen.

In diesem Sinne.

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Comments:

Thus quoth Philip
on 2008/29/04:
um auf die Titel-Frage zu antworten.... leider Ja. :O)
Wenn ich mir die Musiklandschaft so ansehe, fällt auf, dass die Großverdiener i.d.R die Nichtkünstler sind. Die meisten haben Handwerklich nicht die Spur einer Ahnung. Da geht es hin, das Geld für die Wahre (Ware) Kunst und der echte Künstler kann nicht davon leben.

Ich habe das Gefühl, dass der Neid der Menschen die Anerkennung des Urheberrechts und die herausragender Fähigkeiten unterbindet. Ich bin dankbar für jede neue CD meiner Lieblingsinterpreten. Vielleicht fällte es mir leichter, da ich selber versuche zu musizieren und weiß, wie schwer es ist sich künstlerisch ausdrücken zu können. (wobei wirklich die Zeit momentan der entscheidend einschränkende Faktor ist. Ob sich andere schwächen zeigen würden, wenn ich mehr Zeit hätte...?.) Jeder Musiker hofft doch, von der Musik leben zu können, damit er ausreichend Zeit für die Musik hat oder sich ein wunderbares Instrument leisten kannen. Wer mit der Musik 'nur' Geld verdiene will, wird niemals ein Musiker sein. (vielleicht ein guter Produzent.... schlechter Musik). ..siehe. Dieter Bohlen. (So... mit dem Namen wurde dein Blog zum Sondermüll).
Johann Sebastian Bach, Michelangelo, Tilman Riemenschneider,
Wolfgang Amadeus Mozart, hatten zwar ein Einkommen durch die Auftraggeber, waren aber auch durch diese einschränkt. Vielleicht hätten Sie noch mehr leisten können. Aber 'No Money- No Funny
Ich glaube, dass weder Geld, noch Ansehen, noch Macht die Triebfeder für ihr wahrhaftes künstlerisches Schaffen war. Sie hatte dadurch nur die Möglichkeit. Künstler waren Sie einfach so.
ok... wenn ich dir schon den Blog zuschreibe... Es gibt noch ein weiters Problem mit der 'wahren' Kunst. Sie ist oft auch im 'Konsum' oft anstrengt. Sie fordert den Betrachter oder Zuhörer. Auch dadurch wird der 'Markt' für diese Kunst sehr stark beschränkt. Die meisten An- und Zuseher, Hin- und Überhörer sind es nicht mehr gewohnt sich mit Kunst zu beschäftigen. Somit fällt kaum einem auf, das es sich bei der Promo-Kunst nicht um Kunst handelt. Wenn ein Opernsänger einen 'schiefen' Ton singt, ist er nicht mit jemandem gleichzusetzen, der einfach nicht singen kann. E gibt einen Unterscheid zwischen einer aussage und reinem Unvermögen. ..jetzt muss es aber gut sein:o) tschuldigung... Alles Gute für dich und eine Lieben.
Thus quoth Kilian
on 2008/29/04:
Danke für den langen und interessanten Beitrag. Zu Deiner letzten Bemerkung: wie wahr.

Es liegen zum Beispiel Welten zwischen jemandem, der die Regeln der Kunst kennt, aber bewußt ignoriert, und jemandem, der die Regeln einfach nicht kennt und daher nicht beachtet. Man könnte meinen, es käme doch auf dasselbe hinaus, dem ist allerdings gar nicht so. Um Regeln mißachten zu können, muß man sie nämlich erst einmal kennen.

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